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Das neugestaltete Jüdische Kulturmuseum Superjumboloans erstrahlt in neuem Glanz - Ein Besuch lohnt sich

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Die beeindruckende Darstellung des Laubhüttenfestes im Dachgebälk des ehemaligen jüdischen Wohnhauses ist eines der vielen neuen Prunkstücke, das die Firma Space4 GmbH in Stuttgart im für 360.000 Euro neu gestalteten Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim (JKM) geschaffen hat. Die Neugestaltung wurde anlässlich des 25jährigen Jubiläums des JKM am 23. Juni 2019 eiingeweiht.

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Einladend wirkt nun das orangefarbig modern gestaltete Foyer, das bereits auch für das erste Sommerkonzert als Ausweichraum genutzt wurde.

Foto (c) Ronald Grunert-Held

 

Interessierte haben die Möglichkeit,  das Jüdische Kulturmuseum am Donnerstag von 15 – 18 Uhr und am Sonntag von 14 – 17 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Besucher betreten das JKM, über den Eingang des vor 25 Jahren errichteten Neubaus an der Thüngersheimer Straßen und werden im  Foyer von der gemeindlichen Kulturreferentin Dr. Martina Edelmann empfangen, die bereits bei der Ersteinrichtung des JKM vor 25 Jahren dabei war.

Hier erhalten die Gäste erste Informationen zu dem, was sie im Museum sehen können.

Unter dem Titel „Schauplatz Dorf“ wurde im Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim (JKM) die Geschichte der jüdischen Gemeinde Veitshöchheim neu dargestellt und ein neues Konzept umgesetzt. Einheitliche Graphik, ein übersichtliches Leitsystem und neue Präsentationen in den einzelnen Räumen vermitteln neue Inhalte.

 

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Vom Foyer geht es ein paar Treppenstufen hinab zum Hinterausgang des Neubaus (Foto oben) und von hier über den kleinen Innenhof zum Museumsgebäude .

  Foto (c) Ronald Grunert-Held

Links das Museumsgebäude - rechts die Synagoge, die nach wie vor der wichtige zentrale Ort des Jüdischen Kulturmuseums ist, um den herum verschiedene Aspekte des vergangenen jüdischen Lebens in einem Dorf erklärt werden.    

Im Hof ist am Synagogengebäude unten rechs der Eingang zur Mikwe zu sehen.

  Foto (c) Ronald Grunert-Held                                         

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Für Ausstellungszwecke genutzt wird nun auch der über den hinteren Seiteneingang  erreichbare Raum im Erdgeschoss der Synagoge neben dem Betsal unter der früheren Vorsängerwohnung zur Darstellung der Geschichte der Synagoge.

Die Synagoge bildete das Zentrum der seit 1644 hier ansässigen jüdischen Gemeinde, die  1843 mit 160 Personen die höchste Mitgliederzahl erreichte und 1942 mit der Deportation der letzten noch am Ort lebenden fünf Juden ausgelöscht wurde.

Im Nationalsozialismus wurde das 1938 noch vor der Reichskristallnacht erworbene Gebäude von der Gemeinde zum Feuerwehrhaus umgebaut und dabei im Inneren zerstört.  Ursprünglich wollte die Gemeinde Anfang der 80er Jahre das jahrelang auch von der Feuerwehr genutzte Baudenkmal als Galerie modernisieren.

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Bei Fundamentarbeiten im März 1986 kamen im Geröll die Keupersandstein-Säulenfragmente einer Lesekanzel und eines Thora-Schreins zu tage. Mit Hilfe dieser Originalfragmente und von Fotografien aus dem Jahr 1926 wurde die Veitshöchheimer Synagoge bis 1994 komplett wiederhergestellt.  Sie ist die einzige vollständig eingerichtete historische Synagoge im Raum Unterfranken und auch wieder als religiöser Ort nutzbar. In der Lesekanzel sind die Keupersandstein-Fragmente erkennbar, ebenso die Fragmente der wieder instandgesetzten Erinnerungstafeln an die im 1. Weltkrieg gefallenen jüdischen Mitbürger.

Foto (c) Ronald Grunert-Held

  Die Frauenempore der Synagoge                                                     Foto (c) Ronald Grunert-Held

Foto (c) Ronald Grunert-Held

In der ehemaligen Vorsängerwohnung sind im ersten Obergeschoss der Synagoge die jüdische Schule und Literatur dargestellt.

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Im zweiten Obergeschoss der ehemaligen Vorsängerwohnung der Synagoge wird über den Genisa-Fund und das Genisaprojekt informiert, an dem Martina Edelmann zusammen mit Beate Weinhold forscht.

Bei Bauarbeiten im Zwickel über dem Betsaal der Synagoge stieß man 1986 auf sogenannte "Genisa"-Funde. Im Judentum dürfen Texte, auf denen der Namen Gottes zu lesen ist, nicht einfach weggeworfen werden. Sie wurden in den Dachböden der Synagogen aufbewahrt. Daran hielt man sich bis ins 20. Jahrhundert auch in vielen Gemeinden Unterfrankens.

Die Veitshöchheimer Genisa, die bereits in einem Container zum Abtransport auf eine Bauschuttdeponie verbracht war und quasi durch einen Zufall noch rechtzeitig vor der Vernichtung gerettet werden konnte, ist die umfangreichste ihrer Art, die bislang im deutschsprachigen Raum entdeckt wurde.

Neben religiösem Schrifttum wie Bibeln, Gebetbüchern, Einzelgebeten oder rabbinischen Auslegungen sind zahlreiche weltliche Texte wie etwa Märchen, allgemeine Erbauungsliteratur oder historische Werke erhalten.

In großer Zahl wurde auch handschriftliches Material abgelegt, so beispielsweise Rechnungen, Briefe oder Notizbücher. Die Texte sind in hebräischer, jiddischer oder deutscher Sprache verfasst und stammen vorwiegend aus dem 17. - 19. Jahrhundert.

Erforscht werden in Veitshöchheim auch Genisafunde andernorts in Franken. Etwa 2500 Inventarnummern sind bisher vergeben, darunter jiddische Literatur, rund 250 handschriftliche Zeugnisse, wie Briefe, Rechnungen, Quittungen und ein breites Spektrum an hebräischer Gebetsliteratur. Die ältesten Drucke stammen aus dem 16. Jahrhundert.

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Die Gemeinde ergriff die Chance, den im Jahr 1986 im Zwickel des Syngagongebäudes entdeckten Genisa-Fund vor Ort aufzubewahren und repräsentative Stücke museal auszustellen. Hierfür wurde das baufällige und leer stehende Anwesen direkt neben der Synagoge von der Gemeinde erworben. Der ursprünglich geplante Abriss wurde nicht durchgeführt, da man im Gebäude u.a. Decken- und Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert entdeckte - darunter die Jahreszahl 1739 und eine hebräische Inschrift, die auf Sukkot (Laubhüttenfest) hinweist. Bei den Umbaumaßnahmen zum Museum zwischen 1988 und 1994 konnte die historische Bausubstanz weitgehend erhalten werden, ebenso die ursprüngliche Anordnung der Räume und der Charakter eines Wohnhauses (Bild oben).

Jetzt war aber die Ausstellung in die Jahre gekommen, war didaktisch und grafisch nicht mehr auf dem neuesten Stand. 

"Schauplatz Dorf" heißt das Motto, unter dem die Geschichte der jüdischen Gemeinde Veitshöchheims im Museum in neuer Form dargestellt wird. Ausstellungsobjekte sind nach wie vor Fundstücke aus der Genisa von Veitshöchheim bzw. anderen Fundorten. Edelmann: "Die Genisa-Funde machen das Museum einzigartig." Die alten, historisch bedeutsamen Schriften seien nirgends sonst so aufbereitet wie hier. Sie ermöglichen einen Überblick über Literaturgeschichte, Lesegewohnheiten sowie Schreib- und Sprachverhalten einer jüdischen Landgemeinde.

Fotos (c) Ronald Grunert-Held

Neu geschaffen wurde im Erdgeschoss des Museumsgebäudes, der bisher als Abstellraum diente, ein  barrierefrei erreichbarer Einführungsraum, der an Schautafeln und auch filmisch über die jüdichen Erinnerungsorte in Unterfranken informiert. 

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Grafikbanner und Bereichsüberschriften helfen bei der Orientierung, kurze Texte führen zu den Objekten und an Film- und Hörstationen können die Besucher direkt in die Vergangenheit eintauchen.

In einem Interview mit Martina Edelmann, das an einer von insgesamt drei Audiostationen im Museum zu hören ist, spricht Joel Freudenberger, der in den USA lebt, über das Leben seines Vaters Rudolf. Dazu gehört die Kindheit in Veitshöchheim, Erlebnisse aus dem Kindergarten, der von Nonnen geführt wurde, bis hin zur Zeit in Dachau.  Edelmann: "Joel Freudenberger kann sich noch an vieles erinnern. Sein Vater hat ihm viel von damals erzählt". Das Alltags-Gebetbuch links gehörte gehörte seinen Vorahnen. Es hat den Besitzereintrag: Sandel Freudenberger, 14. May 1786.

 

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Die Vermittlung in den frisch gestrichenen Ausstellungsräumen des JKM läuft über verschiedene Informationsebenen: eine Headline an der Wand leitet über zu einem Raumtext und weiter zu einzelnen Bereichsüberschriften, die wiederum zu den durch neues Licht in Szene gesetzten Objekten in den Vitrinen führen, die das Altpapier aus der Zeit des 17. bis 19. Jahrhunderts zu einer historischen Lebensquelle werden lassen. Nähere Informationen dazu findet der Besucher auch in der Schublade unter der Vitrine.

Im Raum "Auf dem Weg in die Vernichtung" werden die Namen jener 29 Juden aufgeführt, die von den Nazis ermordet wurden. Dargestellt sind auch die nach 1933 noch rechtzeitig ausgewanderten Juden. Zur Eröffnung des JKM im Jahr 1994 kam die 1937 nach Palästina ausgewanderte Rita Trepp (geborene Freudenberger) nach Veitshöchheim.

 

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Eine Ecke ist dem 1744 in Veitshöchheim geborenen jüdischen Arzt und Schriftsteller Dr. Simon Höchheimer  gewidmet. Nach ihm sind die 1995 zur Förderung des JKM gegründete Simon-Höchheimer-Gesellschaft und 2006 die Simon-Höchheimer-Straße benannt

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Zum neunten Mal geht die Kunst in Unterfranken „fremd“. Neu dabei ist heuer mit einem Aussstellungsraum auch das JKM unter  den 15 unterfränkische Museen, die Objekte austauschen, darunter kleinere, ehrenamtlich betriebene Institutionen ebenso wie die größeren kommunalen und staatlichen Museen. Im JKM ist so noch bis 3. November die Kreisgalerie Mellrichstadt mit einer Kunstausstellung "Dialog" von Michael Heide vertreten. Im anderen Ausstellungskontext werden die Originale ganz bewusst als Fremdkörper verstanden, möglicherweise sogar Irritationen hervorrufend.

Fotos (c) Ronald Grunert-Held

Im hölzernen Dachgebälk des Museumsgebäude haben sich die vergangenen Jahrhunderte verewigt. Im Fachwerk sind die Lehmverfüllungen erhalten. Hier entdeckte man Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert - linkes Foto- darunter die Jahreszahl 1739 und eine hebräische Inschrift, die auf Sukkot (Laubhüttenfest) hinweist.

Das Fest erinnert an die 40-jährige Wanderschaft des Volkes Israel durch die Wüste nach der Flucht aus Ägypten. Gleichzeitig symbolisiert es auch eine Art Erntedank. In Israel wird es sieben Tage gefeiert, in der Diaspora acht. 

Foto (c) Ronald Grunert-Held

Im Dachgebälk des Museums befindet sich auch der Ausstellungsraum "Jüdische Religion / Feiertage".

 

Nicht gekennzeichnete Fotos (c) Dieter Gürz

 

 

 

 

Nicht gekennzeichnete Fotos (c) Dieter Gürz

An der Bedeutung des JKM hat sich seit der Eröffnung im Jahr 1994 kaum etwas verändert, wie ein Blick in die vor 25 Jahren erstellten Pressetexte zeigt (Ausschnitte):

Einweihungsfeier am 21.3.1994  - Das denkwürdigste Ereignis in den Mauern Veitshöchheims in den letzten Jahrzehnten

Die Synagoge als Mahnmal und Lernstätte

"Die Gemeinde Veitshöchheim hat mit der Wiederherstellung der Synagoge und mit der Schaffung des Jüdischen Kulturmuseums etwas Großartiges geleistet und etwas Einzigartiges geschaffen". Wie David Schuster, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Würzburg/Unterfranken beim Gottesdienst zur Wiedereinweihung der Synagoge waren auch beim anschließenden Festakt in den Mainfrankensälen alle Redner voll des Dankes und der Anerkennung.

Als besonderen Glücksfall werteten alle die Kombination der Synagoge als Gotteshaus und Gedenkstätte und des Genisamuseums als Lernstätte. Die Veranstaltungen zur Wiedereinweihung und zur Eröffnung waren angesichts der vielen ergreifenden Worte und Szenen, so äußerten sich viele der anwesenden Einheimischen, sicherlich das denkwürdigste Ereignis in den Mauern Veitshöchheims in den letzten Jahrzehnten.

Obwohl die Synagoge in der Reichskristallnacht am 9. November 1938 verschont blieb, weil sie bereits für 200 Reichsmark von der Gemeinde erworben war und in der Vorsängerwohnung Christen wohnten, entging sie ihrem Schicksal nicht. Bei der Umnutzung zum Feuerwehrgerätehaus 1940 wurde die einzigartige Innenausstattung zerschlagen und als Auffüllmaterial verwendet. Wie der  Landesrabbiner sagte, habe er noch keine Synagoge gesehen, wo der Fußboden um einen Meter tiefer gelegt war. Grund für die Tieferlegung ist für David Schuster Psalm 130: "Aus der Tiefe rufe ich zu Dir o Herr". Fast 50 Jahre ruhten die Trümmer in Boden.

Zu Beginn der Zeremonie im Sakralraum, brachte der Rabbiner zunächst die Mesusa am rechten Türpfosten des Eingangs an. Als dann der Rabbiner die verhüllte Thorarolle im Holzschrein des Aron Hakodesch untergebracht hatte, war, die Synagoge wieder liturgiefähig. Für die vielen nichtjüdischen Gäste bei der Wiedereinweihung war es ein außergewöhnliches Ereignis einem jüdisch-orthodoxen Gottesdienst beizuwohnen. Mit markanter Stimme sang der Oberkantor in hebräisch Gebete zur Verherrlichung Gottes vor, in die dann die Gläubigen der Jüdischen Gemeinde Würzburg einstimmten.

Keine Pflichtübung

Dass das Projekt für die Gemeinde beileibe keine Pflichtübung war, konnte man der Rede von Bürgermeister Rainer Kinzkofer entnehmen. Die jüdischen Mitbürger, so betonte er, hätten über drei Jahrhunderte Ortsgeschichte mitgestaltet. Sie seien somit fester, unauslöschlicher Bestandteil Veitshöchheims. Jeder Versuch, dies aus der Gemeindegeschichte herauslösen zu wollen, wäre letztlich eine Verdrängung und Verfälschung.

So erfüllt nach seinen Worten  die Synagoge und das Museum die Aufgabe, eine Stätte der Erinnerung, der Mahnung zu sein. Kinzkofer: "Wenn es uns gelingt, durch die äußere Wiederherstellung eines ehemaligen jüdischen Gemeindezentrums beizutragen, Verkrampfungen zu lösen oder wenigstens zu mildern, dann können wir mit Recht zufrieden und stolz sein." Das Aufzeigen der Geschichte, der historischen Realität, solle verhindern, zu vergessen und e-möglichen, für die Realität zu lernen.  Die geschaffene Einrichtung habe nicht nur den Sinn, kulturelles Erbe zu erhalten, sondern sie soll auch die moralische Verpflichtung aufzeigen, damit die menschenverachtenden und -vernichtenden Geschehnisse im Dritten Reich nie mehr wieder geschehen können.

"Wer wie wir Jüngeren diese Erfahrung nicht persönlich gemacht hat, muss über sie Bescheid wissen, ohne sich schuldig fühlen zu müssen.", sagte Kinzkofer. Das Ortsoberhaupt stellte den Bezug zu Goethe und Schiller her. Wenn wir stolz auf diese seien, dann müssten wir uns auch schämen, weil die Naziverbrecher und ebenso die ewig Gestrigen auch Deutsche sind. Die Gemeinde wünsche sich, so der Bürgermeister, dass die Restaurierung der Synagoge und die Dokumentation im Museum wichtige Steine in der Brücke der Verständigung und des Verständnisses seien.

"Die Entscheidung des Gemeinderates von 1986, von dem Umbau in eine Galerie abzusehen und das Sakralgebäude wiederherzustellen und ein Museum einzurichten", so Oberkonservator Dr. Ludwig Wamser von der Landesdenkmalpflege beim Festakt in den Mainfrankensälen, "kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden." Hier werde in der baulichen Ambiente eines alten Judenhofes in einer noch nie dagewesenen Vielfalt jüdisches Landleben über drei Jahrhunderte hinweg dokumentiert, vermittelt und wachgehalten. Trotz ärmlicher Verhältnisse sei dieses von einer erstaunlich reichen Geisteshaltung und einem regen Sozialleben geprägt.

Der Holocaust war laut Landesrabbiner Brandt eine Zäsur. Das Besondere an Veitshöchheim sei es, dass nicht nur wie sonst üblich, die Leidenszeit  der Juden porträtiert werde, sondern aufgrund der Genisafunde und des wiederhergestellten Sakralbaus, wie  in der Region die ländlichen Juden  über Jahrhunderte hinweg lebten.

Menschenretter

Die Namen von 31 jüdischen Bürgern Veitshöchheims stehen im Jüdischen Kulturmuseum auf der  Liste der in den Jahren 1941 und 1942 in ein Konzentrationslager Deportierten. Der Würzburger Journalist Dr. Roland Flade beleuchtete  in seinem Festvortrag diese Schreckenszeit. Die 19.000 Seiten Gestapoakten im Würzburger Staatsarchiv, so führte er aus, zeugten von einer beispiellosen Kälte der Denunzianten und von einem ungeheuren Gewaltpotential der Polizei. Wer damals zu Juden freundschaftliche Kontakte pflegte, wurde vorgeladen, wer ihnen Unterschlupf gewährte, wanderte selbst ins Konzentrationslager. "Derjenige, der ein Menschenleben rettet, rettet die Welt". Dass es so auch in Unterfranken leuchtende Beispiele für Zivilcourage im Dritten Reich gab, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen, war das besondere Anliegen von Flade. So berichtete er unter anderem von dem Ochsenfurter Konrad Schweser, der 46 Juden aus einem KZ zur Flucht nach Rumänien verhalf oder von der Würzburgerin Ilse Totzke, die den Versuch eine jüdische Bekannte zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen, selbst mit dem Tod bezahlte."

 

Vorbericht vor der Eröffnung

"Wenn das Jüdische Kulturmuseum am 21. März 1994 offiziell seine Pforten öffnet, dann lässt sich kaum noch erahnen, welch jahrelange wissenschaftliche Arbeit erforderlich und welche Probleme zu bewältigen  waren, um ein solches Museum erstehen zu lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, blieb der Gemeinde nichts anderes übrig, als im November 1988 im Rahmen einer bezuschussten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme die Volkskundlerinnen Karen Heußner und Hilde Gußner einzustellen.  Karen Heußner wurde nach Ablauf der zweijährigen ABM-Maßnahme dann als vollbeschäftigte Kulturreferentin von der Gemeinde übernommen. Bevor sie jedoch ihr Werk vollenden konnte, legte sie eine Babypause ein, mit der Folge, dass die als Vertretung eingestellte Martina Edelmann Heußners Museumskonzept vor Ort umzusetzen hatte. In einem 36seitigen mit der Landesstelle für Nichtstaatliche Museen im Detail abgestimmten Regiebuch waren Raum für Raum detailliert beschrieben. Bis die 235 Exponate und 35 erläuternde Schrifttafeln an Ort und Stelle waren, war dies wahrlich kein leichtes Unterfangen. Die gesamte Ausstellung wird mit Exponaten aus der Genisa gestaltet, ergänzt durch Fotografien und einigen Leihgaben. Geöffnet werden sollte das Museum donnerstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr oder bei Gruppenbesuchen nach Vereinbarung.

Es sind drei Bereiche, die für den Besucher hier bewahrt, ausgestellt und dokumentiert sind: die instandgesetzten denkmalgeschützten Gebäude selbst, die Genisafunde und die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde. Der Besucher betritt den ebenfalls dreiteiligen Museumsbereich von der Thüngersheimer Straße.

 Im Erdgeschoß des Neubaus empfängt ihn ein einführender Bereich, in dem ihm erläutert wird, was es hier zu sehen gibt. Beschrieben wird auch die Auffindung der Genisa, ihre große Bedeutung und die darauf fußende Entstehung der Museumsanlage . Der weitere Weg führt nun durch einen Innenhof zum zentralen Museumsgebäude. Die Ausstellung konzentriert sich hier fast ausschließlich auf die Genisa. Dokumentiert werden zunächst die Grundlagen des jüdischen Glaubens und die Religion im Alltag. Erläutert werden so unter anderem die verschiedenen Gebetsritualien, die Funktionen des Rabbiners als Schriftgelehrter und geistiges Oberhaupt der Gemeinde, aber auch die sichtbare Religiosität im jüdischen Haus. Dem Betrachter soll vermittelt werden, dass die Genisafunde keine abstrakte Buchsammlung sind, sondern aus dem täglichen Lebensbereich der Juden stammen und der jüdische Alltag dicht mit religiöser Literatur verwoben ist.

Ein weiterer Abschnitt ist der jüdischen Gemeinde von Veitshöchheim gewidmet. Dokumentiert ist hier mit dem Arzt Simon Höchheimer eine herausragende Persönlichkeit, vom Geist der Aufklärung geprägt. Berufs-, Handel- und Wirtschaftsleben nehmen breiten Raum ein, ebenso der Bereich Patriotismus und Zionismus. Aber auch die dunkle Zeit des Nationalsozialismus bleibt nicht ausgespart. Am Beispiel der Familie Stern werden die Propaganda und Hetze dieser Schreckenszeit verdeutlicht. Aufgeführt sind auch die Namen der Deportierten, Toten und Verschollenen aus dieser Zeit.  Der letzte Abschnitt im Genisamuseum behandelt schließlich das jüdische Jahr im Ablauf mit seinen Festen und Feiertagen.

Der Sakralraum

Der Sakralraum der Synagoge wurde originalgetreu im Zustand von 1926 wiederhergestellt. Durch einen Zufall war dem Würzburger Archäologen Dr. Ludwig Wamser Mitte 1988 ein um 1935 handgefertigtes Glückwunschwidmungsblatt mit Schwarz-Weiß-Fotos der bis dahin nicht bekannten Innenansicht des Sakralraumes in die Hände gekommen. Nach diesen Bildern konnten dann die Denkmalpfleger die Inneneinrichtung der Synagoge rekonstruieren. Hauptanziehungspunkt ist hier die Bima, die Lese-kanzel mit großem Lesepult, eine 3,15 Meter hohe Steinmetzarbeit aus dem Rokoko, gefertigt aus Keupersandstein. Nicht minder wertvoll ist aber auch der reich ornamentierte Thoraschrein aus dem Jahr 1732. Anhand der von Wamser gefundenen Fotos ließ sich auch dessen kostbarer, mit Metallfäden bestickter und farbig gestalteter Vorhang vollständig rekonstruieren. Problemlos wiederherstellen ließ sich auch die Volutenornamentik der spätbarocken Brüstungsbekrönung der Frauenempore. Sie diente als Sichtschutz, damit sich die Männer, die sich im ebenerdigen Kultraum befanden, beim Gebet nicht von den Frauen auf der Empore  ablenken ließen. Auch die sechs recht kostbaren barocken Messinglüster flämischen Typs sowie die im Bronzegießverfahren geschaffene Hängelampe für das Ewige Licht konnten als Nachbildung wieder beschafft werden. Die Lüster sind am Tonnengewölbe so angebracht, dass die Verbindungslinien die Form eines Davidssterns ergeben. Nachgebildet sind auch die hölzernen Sitzbänke, eine Einrichtung des 19. Jahrhunderts.

Sehenswert ist aber nicht nur der Kultraum der Synagoge. In der ehemaligen Vorsängerwohnung ist das jüdische Schulwesen, die Funktionen von Religionslehrer, Vorsinger und Schächter in der Gemeinde dargestellt. Den Rundgang  schließlich beendet ein Besuch der Mikwe, des rituellen Tauchbades."

Texte: Dieter Gürz