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Eine Reise in die Vergangenheit - Der 83jährige Edwin Wald zeigt in einer Ausstellung, wie man in seiner Kindheit Acker- und Weinbau betrieb

Veröffentlicht am von Dieter Gürz

Hier erzählt der 83jährige Edwin Wald, dass er in seiner Kindheit und Jugend bei der Feldarbeit und im Weinberg seiner Eltern fleißig mithelfen musste und es dafür kleine Sensen, Rechen, Gabeln aus Holz und auch kleine Dreschflegel gab, wie hier unten an der Wand zu sehen. Wald: "Wir waren begeistert, alles mitmachen zu können."

Auch im Alter von 83 Jahren sprüht der Urveitshöchheimer noch vor Schaffenskraft, Energie und Lebensfreude. Zeitlebens wohnt er in der Mitte des Veitshöchheimer Altortes, bis 1964 in seinem Elternhaus in der Bahnhofstraße 2 und anschließend im nebenan neu errichteten Familienhaus. So hat er in seiner Kindheit und Jugend eine Zeit erlebt, als Veitshöchheim ohne all die Neubaugebiete noch ein ganz anderer Ort war, es allein im Altort 45 Bauern und 16 Heckenwirtschaften gab.

Auch seine Eltern hatten eine Landwirtschaft, besaßen einen zwei Morgen großen Weinberg ( = ein halber Hektar) in der Weinlage Sonnenschein mit Silvaner-Reben und betrieben bis 1964 eine Heckenwirtschaft. Die heute noch in der Gemarkung Veitshöchheim existierenden Landwirte und Winzer kann man dagegen an einer Hand aufzählen. Richtige Heckenwirtschaften gibt es auch keine mehr.

Und so ist es Edwin Wald ein Bedürfnis, der heutigen Generation aus eigener Erfahrung vor Augen zu führen wie in seiner Kindheit und Jugend im Ort Landwirtschaft und Weinbau betrieben wurden. Damit dies nicht in Vergessenheit gerät, hat er an den Seitenwänden seiner Garage eine Ausstellung konzipiert und historische Gerätschaften aufgebaut, die in die 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts entführen. Da Edwin Wald bis 1995 den Weinberg seiner Eltern weiter bewirtschaftete, bis er ihn 1995 verkaufte, kennt er sich auch in diesem Metier sehr gut aus.

Hier erläutert er die Stammerziehung einer Rebe.

Diese Schneidhappe wurde dazu benutzt, Weidenruten, die nach Einweichen in Wasser, für das Anbinden der Tragreben benutzt wurden, wieder aufzuschneiden.

Mit diesem Treteisen wurden Weinbergspfähle in den Boden getrieben.

Rechts ein Winzer mit Butte und ein Häcker mit Karst in Gusseisen, von Wald selber geformt.

Hier ebenfalls in Gussform ein Heckenwirt, ein Weinbembel und ein altes Wein-Holzfass, das laut Wald einer intensiven Pflege bedarf, um Schimmelbildung zu verhindern. Wald absolvierte bei der LWG auch Kurse in Rebschnitt und Fassbehandlung. Links zeigt er einen von ihm geschmiedetes Lisch-Haken, mit dem getrocknetes Schilfgraf zur Fassabdichtung in die Dauben gepresst wird.

Rechts weitere Werkzeuge sowie ein Karst und eine Räumhaue.

Mit dieser Wasserpumpe aus dem Jahr 1920 mit einem Fassungsvermögen von 40 Liter wurde Kupfervitriol u.a. gegen Reblaus gespritzt.

 

Abgelöst wurde sie ab 1930 von dieser Kolbenspritze, ebenfalls eine reine Wasserpumpe und seit 1990 sind Motorspritzen im Einsatz, die über drei Zeilen hinweg das Spritzmittel zerstäuben.

 

Eine alte Bohrwinde links, um direkt in eine Kante bohren zu können.

Eine Weinpresse aus den 30er Jahren, um per Probe die Öchslegrade festzustellen, auch geeignet zum Pressen von Johannisbeersaft.

 

Hier führte Wald dann in die historische Landwirtschaft ein. So zeigt er im Bild die Geschirre für die zur Feldarbeit eingesetzten Kühe, Pferde und Ochsen.

Für das Binden einer Getreidegarbe wurde ein spezieller Garbenstrick verwendet, nachdem das Getreide mit einer Wurfsense abgemäht wurde.

 

In den 20er und 30er Jahren wurden vor Einführung der Dreschmaschinen die auf einem großen Tuch ausgebreiteten Getreidegarben mit Dreschflegeln (hier in Kinderausführung) an allen vier Ecken im Takt geschlagen.

Spezielle Gabeln, so links eine Zinkengabel für das Aufladen der gebundenen Getreidegarben nach oben in den Speicher.

Ein kleiner Pflug (links), zum Ziehen von Furchen im Garten, um in diesen zu säen oder Pflanzen zu setzen.

 

 

Ein "Schiffle" (Halterung) für einen Wetzstein, um Sensen und Sicheln zu schärfen.

Bei den Bauern wurde natürlich auch geschlachtet. Im Bild zeigt Wald Putzschellen, mit denen die Borsten abgehobelt und mit den Haken die Zehen herausgerissen wurden. An dieser Stelle erzählt der Hobbyhistoriker, dass natürlich im Ort auch arme Leute wohnten. Wenn diese sahen, dass in der Kandel (eine aus Pflastersteinen ausgebildete Mulde am Straßenrand) Blut floss, wussten diese "Hier wird geschlachtet" und am Abend konnte man dann mit einer Milchkanne "Greidlbrüh" (Schlachtsuppe) abholen.

Edwin Wald kam als 14jähriger nach der achten Klasse im Jahr 1950 zu Koenig & Bauer, wo er in die Gießerei (Formerei) kam,  da er er durch die Mitarbeit in der Landwirtschaft von kräftiger Gestalt war und so mit den schweren Formen, den Eisen und den ganzen Gewichten umgehen konnte. So arbeitete er seit Beginn seiner Lehre als Formschmied bis zu seiner Pensionierung 50 Jahre lang immer bei ein und derselben Firma, nämlich bei KoeBau, die letzten 44 Jahre als Ausbildungsmeister in der Werkberufsschule für die Berufe Gießereimechaniker, Schmiede und Schweißer. Diese pädagogischen Fähigkeiten kommen ihm natürlich auch heute noch bei seinen Führungen zugute.

Für ihn als Formschmied war es im Übrigen ein Leichtes, in seiner Heimwerkstatt (links) die Landwirtschaft und den Weinbau, wie sie früher einmal waren, auch bildlich in Gusseisenform darzustellen, wie oben eine Vier-Generationen-Bauersfamilie vom Kleinkind bis zum Greis darzustellen oder unten eine Handablage zum Mähen von Heu und Getreide.

Originell auch Bacchus und lustige Mönche in Gusseisen und unten das zur Aufstellung an der tschechischen Grenze von ihm kreierte Wappen des Königreichs Bayern.

Seine handwerklichen Fähigkeiten stellte der praktizierende Katholik (die Glocke links hat Wald selbst gegossen) stets auch in den Dienst der Kirchengemeinde. Zahlreiche schmiedeeiserne Kunstwerke in beiden Ortskirchen sind dafür ein beredtes Zeugnis.

Auch beim Blasen des Tenorhorns, seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, war auf Edwin Wald stets Verlass. 45 Jahre spielte er dieses Instrument in der Veitshöchheimer Blaskapelle, die er 14 Jahre lang bis 1998 selbst leitete und in dem auch seine drei Söhne und eine Schwiegertochter musizierten.

Daneben ist der rüstige Senior seit 1964 auch aktiver Sänger beim Männergesangverein.

 

Fotos (c) Dieter Gürz